Helge “Bomber” Steinmann im Interview:

Helge “Bomber” Steinmann im Interview:

25.10.2012 von Philipp Tölzer


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Der seit 1988 aktive Writer Helge „Bomber“ Steinmann aus Frankfurt am Main erzählt uns unter anderem Fakten über die Faszination des Freestyle-Writings, weshalb seine impulsive Handschrift mittlerweile für einen eigenen europäischen Stil steht und was für einen Stellenwert die Graffitibewegung in unserer Gesellschaft einnimmt.                    

 „Der öffentliche Raum wird sozusagen vorab durch Auftragsarbeiten besetzt, um dem „wilden” Writing die Luft zu entziehen. Da muss man auch achtgeben, dass die Revolution nicht ihre Kinder frisst.“

Hallo Bomber! Lass uns doch mit einer kurzen Vorstellung deiner Person beginnen: Wo kommst du her, wie lange bist du schon dabei und für welche Crews malst du? Ich bin seit 1988 aktiv und bin bei den Stick-Up-Kids, Fabulous Bomb Inablity, DBL, GBF Gründer und TRD, sowie bei YCP mit dabei..

Wie bist du in dieser Zeit zu Graffiti gekommen und woher kamen die ersten Inspirationen? Wie bei alle Künstlern damals kam die Inspiration über Medien wie Musikvideos, Kinofilme, Zeitungsberichte und Büchern. Allen voran natürlich die Bücher Subway Art und Spraycan Art, die beide schon existierten. Ich besuchte Ausstellungen und in Musikvideos schaute man auf die Styles in den  Backgrounds. Heutzutage löst der Moloch des Internets all das ab.

Du bist vor allen Dingen berühmt dafür, dass du die meisten deiner Bilder „freestyle“ malst. Worin liegt der große Unterschied zwischen Freestyle und dem Malen nach Vorlagen? In der Unvollkommenheit des fertigen Pieces und dem momentanen Zustand, des Urhebers. Die eigentliche Freiheit in der Malerei (auch des Stylewritings) liegt ja im Mut peinliches zuzulassen und dazu zu stehen. Ich denke, einen eigenen Style, eine eigene Ästhetik zu entwickeln hat auch etwas mit der Führung der Hand zu tun, mit dem individuellen Bewegungsablauf beim Akt des Sprühens selbst. Beim Malen nach Vorlage passiert ja die eigentliche Leistung vorab beim Skizzieren denn es ist dann eine Art des Abmalens/Übertragens in andere Proportionen. Ich entschied für mich irgendwann Mitte der 90er, das Skizzieren lieber direkt an der Wandfläche (oder auf anderen Untergründen) vorzunehmen, denn es gibt keine Fehler, die man machen kann. Alles ist ständig übermalbar, in einem ständigen Fluss. Nur den Abschlusspunkt finden, den muss man festlegen.

Unter dem Motto „each one – teach one” gibst du seit 1990 Seminare zum Thema Graffitiwriting. Welche Inhalte thematisierst du in diesen Seminaren? Das kann immer nur ein kleiner Einblick in unsere große Kultur sein, der  eher einen Fingerzeig darstellt als typischen  Workshop-Charakter besitzt. Wie viele von uns wissen, dauert die Study of Styles eine längere Zeit und ist nicht mit einem schnellen Shortcut a la Konsolengaming zu vergleichen. Die Workshops haben einfach eher einen aufklärerischen Charakter und sollen Außenstehenden die Angst vor dem Unbekannten, z.B. dem heimlichen und ungewünschten Hinzufügen von Artwork nehmen. Menschen haben einfach Angst, wenn plötzlich ein Style an ihrer Hauswand prangt an dem gestern noch nichts war. Gerne gebe ich Know How weiter, weil es Vorurteile besiegt, deswegen hatte ich auch schon eine ganze Batterie an Praktikanten / Innen.

Du interessierst dich neben Graffiti auch für Kommunikationsdesign und digitale Bildbearbeitung. Was genau machst du da? Design als nutzbare Kunst und auch ein wenig Marketing und Kommunikation, also das was die meisten Writer tun, wenn Sie dann ans Geld verdienen gehen müssen und im gestalterischen Bereich bleiben wollen. Ich habe das ganz früh schon gesehen, dass Writing eine Gestaltungsleistung ist und die letzten zehn Jahre haben mir Recht gegeben. Die Gestaltungshochschulen sind voll von Writern und jeder Art Director hat heutzutage mindestens einmal eine Dose in der Hand gehabt und wenn es nur Sprühkleber war. Aber ich kann sagen, dass ich vermehrt freie Arbeiten mit der Dose und der Farbwalze erstelle. Das macht definitiv mehr Spaß wenn keine Nutzungsleistung dahinter steht  am Schluss also nicht unbedingt ein kommerzieller Gedanke das Bild krönen muss.

Du hast zusammen mit CanTwo, Atom One und Zebster ein Projekt am Laufen, welches sich „Absolute Graffiti“ nennt. Wie seit ihr dazu gekommen und welche Ziele verfolgt ihr dabei gemeinsam? Das steht alles ziemlich genau auf der Website, die unter http://www.absolute-graffiti.com erreichbar ist. Das ist eigentlich nur eine zweckgebundene Kooperation kommerzieller Natur. Dazu gekommen sind wir wie die Jungfrau zum Kind, in dem wir uns organisierten und schauten, wie erwirtschaften wir etwas um uns und unsere Familien zu ernähren.

Was genau unterscheidet dich von anderen Künstlern und macht deinen Style so einzigartig? Ich finde, man sieht, wenn ich es war. Es ist eine Art Handschrift und auch eine Art Humor, aber es ist schwer über sich selbst zu urteilen.

Es heißt, dass deine impulsive Handschrift mittlerweile für einen eigenständigen europäischen Graffiti-Stil steht. Wie geht man damit um? Europäisch heißt für mich, nicht ständig über den Teich schauen zu müssen und nicht alles was von dort kommt eins  zu eins zu übernehmen. Wir haben hier keine Ghettos und Stylewriting ist nicht unbedingt nur hohles Bombing, sondern auch ästhetischer Code und kunstvolles Artwork. Dies zu fördern war schon immer mein Anliegen. Außerdem haben wir hier in Europa lange die Latte für Stylewriting ernsthaft hochgehalten, während über dem Teich das Ganze anscheinend nur von wenigen am Leben erhalten wurde.

Für wie wichtig stufst du den Stellenwert der Graffitibewegung in unserer Gesellschaft ein. Wie hat sich dieser im Laufe der letzten 20 Jahre in Deutschland verändert? Graffiti verliert zusehends an Akzeptanz durch die mediale Präsenz von wildem spektakulären Bombing, auch durch Videos im Netz. Grundsätzlich sind die momentanen Tendenzen klar durch pädagogische Korrekturen eher nach konservativen Werten gerichtet. Der Trend geht mehr hin zum Kreieren, erschaffen, statt zum destroyen. Gesellschaftlich wird Writing und auch das Arbeiten mit der Dose immer mehr akzeptiert und vorrangig auch gerne als präventive Maßnahme genutzt. Sozusagen wird der öffentliche Raum vorab durch Auftragsarbeiten besetzt, um dem „wilden” Writing die Luft zu entziehen. Da muss man auch achtgeben, dass die Revolution nicht ihre Kinder frisst. Wettbewerb mag wichtig sein, aber ihn als oberste Maxime zu dogmatisieren und alle die nicht im Wettbewerb stehen oder stehen wollen sozusagen zu exkommunizieren, halte ich für obsoletes Denken und widerspricht der Haltung die ich so großartig mit der Writingkultur in Verbindung bringe. Diese Aussage möchte ich auch gerne auf andere Bereiche übertragen, denn es ist eine meiner Grundmaximen. Intern kann ich nur sagen, dass viele Ältere gerade wieder angefangen haben, Styles zu malen, die teilweise sehr lange gar nichts mehr taten und jetzt, durch den Hype aufgeweckt, ihren damals verdienten Respekt fordern. Das nervt teilweise, da sich alles weiterentwickelt hat und sie jetzt einfach nicht mehr den Stellenwert haben, wie früher.

Was denkst Du wie sich die Medien, zum Beispiel das Internet, mit all seinen Plattformen und Webseiten auf Graffiti auswirkt? Das Internet ist wie ein Spiegel (ähnlich der Writingkultur, die auch die Hierarchien spiegelt) und wir alle müssen erkennen, dass soziale Netzwerke, das Kennen vieler Menschen nichts verändert und uns auch wenig voranbringt, denn die vermeintlich „wichtigen” (und „richtigen”) Leute kennen sich untereinander und es sollte mittlerweile auch dem letzten klar sein, dass ein wirklicher sozialer Aufstieg nahezu unmöglich ist. Ich möchte damit nicht sagen, dass es das nicht gibt, aber doch sehr, sehr selten. Für das Writing hingegen bemerke ich viele Produktionen, die einfach dem Ursprungssinn widersprechen. Vieles wird nur noch für eine Pseudostreetcredibility erstellt. Das ist eine Tendenz, die ich nicht toll finde, denn die ungenehmigten Arbeiten hatten einen ebenso kommunikativen und ästhetisierten Sinn. Dieser Sinn wandelt sich langsam zu einer Posingattitüde sonders gleichen und pusht die Profilneurosen der Urheber zu einem gigantischen Über-Ich.

Viele Leute fragen sich immer: Was hört jemand, der solche Bilder malt für Musik? Ich höre ja schon immer sehr viel unterschiedliche Musik, darunter auch erwachsenen Rap. Den gibt’s ja Gott sei Dank auch. Denn manchmal muss man sich echt schämen, was unter der Rubrik Rap oder HipHop medial gepusht wird. Unglaublicher Dünnschiss von Leuten die nicht mal rappen können und mediale Plattformen bekommen.

Du verdienst ja durchaus Geld mit deinen Werken. Du malst Aufträge und verkaufst auch die ein oder andere Leinwand. Wie vereinbarst du das mit deiner „Writer-Ehre“? Das hieße ja Writing wäre grundsätzlich wertfrei und nonkommerziell. Das sehe ich nicht so. Wenn mein freies Style-Writing einen ästhetischer Wert erfährt, warum sollte ich es ablehnen dafür Geld zu bekommen, wenn ich mich dabei nicht selbst verleugne, in dem ich die Blümchenwiese malen muss? Für mich ist Verkauf einer Leistung kein Widerspruch zu meiner „Writerehre”. Was nützt dir Fame und Spaß, wenn du dein Leben nicht davon bestreiten kannst? Es gibt genügend KINGS, die, schaut man hinter die Kulissen meistens nur ein Häufchen Elend darstellen, wenn es um das tägliche Überleben, den daily hustle geht. Oder Sie arbeiten als grundsätzlich andere, „Fight Club”-ähnlich in braven Jobs 9 to 5 und mutieren dann Jekyll / Hydeähnlich zum Bombingking.

Das Bemalen von Zügen ist wohl die „realste“ Form von Graffiti. Wie stehst du zum Thema „Trainwriting“? Wie soll ich dazu stehen? Fand ich immer toll und werde es immer toll finden, wenn die Arbeiten Qualität haben. Allerdings gibt es ja jetzt diverse pädagogische Spiele der Deutschen Bahn online, z.B. Loveorfame.de, die auch hier pädagogisch einwirken sollen. Überhaupt erkennt man jetzt die Reaktionen der steuernden Institutionen ganz klar.

Was geht in Sachen Graffiti sonst noch so in Frankfurt am Main? Frankfurt ist ein echter Sonderfall. Wir haben in den 90ern sehr viel und qualitativ hochwertige Arbeiten gehabt, mit dem Ergebnis nicht einmal eine Hall of Fame zu haben und mehr restriktive Politik als viele andere Städte und Länder. Immerhin sitzt hier das Bündnis gegen Graffiti aus vielen Institutionen, regionaler Verkehrsverbände u.v.a. Ich denke, reines Bombing macht da niemanden Happy. Klug wäre auch hier seitens der Writer, einfach mehr in Klasse statt Masse zu investieren. Das nimmt solchen Unternehmungen den Sinn. Immerhin hat Frankfurt seit neuem endlich wieder einen Dosenladen, den Canpire. Kent, der den Laden macht, scheint einen guten Draht zur Lokalpolitik zu haben, denn 1995-2000 in dem wir den Oxygen Laden bei der Dosenoma Wally hatten, bombardierte die Stadt ständig mit Auflagen und feuerpolizeilichen Restriktionen. Schön wäre aber tatsächlich ein freier Künstlerbedarfsladen in dem man viele Dosenmarken bekommt, nicht nur eine Sorte/Marke. Grundsätzlich besticht Frankfurt leider eher durch seine Kulisse und seine kulturelle Landschaft, denn durch die Qualität der Dosenarbeiten im öffentlichen Raum. Viele Crews übermalen sich und alte Arbeiten ohne Rücksicht. Aber wer so etwas anstößt, wird genau das auch ernten. Einige Youngstars stechen heraus und rocken ordentlich, aber gutes Stylewriting ist eher selten geworden. Auch eine Folge der restriktiven Politik, die nicht verhindern wollte/konnte, dass die einzige größere Wand in Frankfurt, die Naxos Halle, ständig bemalt werden konnte, abgerissen wurde.

Recht herzlichen Dank für die Beantwortung unserer Fragen! An dieser Stelle wünscht dir das HipHop.de Team alles Gute für die Zukunft und gibt dir die Möglichkeit noch etwas zu sagen oder ein paar Grüße loszuwerden:

Vielen Dank für die Möglichkeit hier meinen Gedanken einen Raum zu bieten.

Rest In Peace – anlässlich zum Tode des Schweizer Graffitikünstlers „Dare“, gesprüht von Helge „Bomber“ Steinmann.

Mehr Infos über Bomber unter: http://www.bomber.de


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