Mirko „Daim“ Reisser im Interview:

Mirko „Daim“ Reisser im Interview:

30.07.2010 von Philipp Tölzer 

Portrait: DAIM | Lahr / Germany | 10.2005

 

 

 

 

 

 

DAIM ist der Künstlername des Graffiti Künstlers Mirko Reisser. Der ausgewiesene Artist spricht im Interview über seine bisherige Laufbahn und wie seine Zukunftspläne aussehen…

Seit nun mehr 20 Jahren verewigt sich der in Lüneburg geborene Sprayer DAIM, der bürgerlich Mirko Reisser heißt, auf nationalen- und internationalen Wänden. Seine Arbeiten machten ihn über die Zeit zu einem der profiliertesten Künstlern Deutschlands. Durch den unüblichen Verzicht auf Konturen und den Einsatz von Licht und Schatteneffekten überzeugte DAIM ausgewiesene Kritiker der Kunstszene und vergrößerte seine Fanbase immens. Im Interview spricht DAIM über seine Vergangenheit, den Relaunch seiner Website und seine Zukunftspläne.

“Heute kann man ja kaum noch von einer Szene sprechen, aber dennoch ist es toll zu sehen, wie viele Aktive von damals heute noch immer dabei sind und den Bereich noch immer Prägen.”

Beginnen wir damit, dass du dich, für alle die dich eventuell noch nicht kennen, kurz und knapp vorstellst.
Ich bin seit über 20 Jahren mit dem Namen DAIM als Graffiti-Künstler aktiv. Angefangen in Hamburg, zog es mich bald in diverse andere Städte und Länder um mich dort zu verewigen. So kam ich mit vielen andere Sprühern in Kontakt und wurde unteranderem Mitglied in den Crews: SUK, FX, FBI und GBF.

Wo kommst Du ursprünglich her, wann begann Dein Interesse für Graffiti, wer hat Dich anfangs inspiriert und in welchem Jahr bist Du dann schließlich selber aktiv geworden?
1985 begann ich Hip-Hop Musik zu hören und nahm bereits die ersten Graffitis und Tags in meiner Heimatstadt Hamburg wahr. Ich begann nun auch erste Buchstaben zu entwerfen. Aber erst Mitte 1989 ging ich das erste Mal mit Sprühdosen an eine Wand, ein Stromhäuschen direkt an meiner alten Grundschule. Von da an habe ich natürlich immer noch viel gezeichnet, aber ich hatte immer das Gefühl, dass die Ideen auf dem Papier auch gesprüht an der Wand umgesetzt werden müssten. Eine Skizze ist eben „nur“ eine Skizze!

Die meisten Writer starten ihre Karriere ja zunächst in der Illegalität, bevor sie beginnen legal zu malen oder sogar Aufträge zu ergattern. Wie waren deine Anfänge? Bist Du jemals illegal aktiv gewesen, oder spielte dies bei Dir nie so eine große Rolle?
Viel kann und will ich dazu nicht sagen, aber natürlich habe ich illegal angefangen. Zu der Zeit war das ganz normal. Als Anfänger konnte man früher nur illegal sprühen, weil es keine legalen Flächen gab. Ich bin relativ schnell erwischt worden. Das hat dafür gesorgt, dass ich aus der Illegalität und dem Untergrund hervortreten konnte. Davor wussten weder meinen Eltern, noch meine Freunde oder meine Lehrer, dass ich sprühte. Indem ich erwischt wurde, konnte ich in die Öffentlichkeit treten. So ist mein erstes legales Bild schon ein kleiner Auftrag gewesen. Das hat mir früh gezeigt, dass Graffiti auch eine Zukunftsperspektive sein kann.

Würdest Du von Dir behaupten ein “realer” Hiphopper zu sein? Beobachtest Du zum Beispiel das Illegale Writing, wie fast jeder Sprayer, in seiner Heimatstadt?
Was bedeutet denn “real”? Wenn es bedeutet, dass man innerhalb der Hip-Hop Szene die Traditionen kennengelernt hat und so auf authentische Weise die Szene ein stückweit mitprägt und verändert, dann trifft das sicherlich auch auf mich zu. Dazu gehört natürlich auch, dass man sich mit dem auseinandersetzt, was andere, egal ob legal oder illegal, erschaffen. Aber es fällt einem auch schwer bei der Fülle der heutigen Arbeiten den Überblick zu behalten.

Interessierst Du Dich auch für andere Elemente dieser Kultur, oder ist es für Dich eher die reine Kunst, die Du damit auf einzigartige Weise verbunden hast?
Vor 20 Jahren gehörte man noch einer kleinen Szene von Aktiven an. Jeder kannte jeden und man begeisterte sich genauso für das Breaken, Rappen oder eben für Graffiti. Heute kann man ja kaum noch von einer Szene sprechen, aber dennoch ist es toll zu sehen, wie viele Aktive von damals heute noch immer dabei sind und den Bereich noch immer Prägen.

Was bedeutet es für Dich einen eigenen Style zu haben? Wo siehst Du Dich selber bei Deiner Stylefindung?
Ich habe immer versucht, sehr genau in mich hineinzuhorchen um rauszufinden, was ich mag und was ich machen möchte. Wenn man sich darauf konzentriert, und seine Bilder Schritt für Schritt entwickelt, wird man früher oder später auch einen eigenen Style haben.

Deine Bilder sehen so perfekt aus, dass man sich fragen muss, was Du noch anstrebst? Was wird uns da noch alles erwarten?
Auch ich habe mich in den vergangenen 20 Jahren öfters gefragt, wie ich mich, da ich doch schon so lange einfach “nur” meinen Namen schreibe, noch steigern könnte.

Eine Veränderung wird es eigentlich immer geben, die Frage ist nur, ob sie so offensichtlich ist, dass man sie immer sofort auch erkennt. Aber in der Rückschau wird dies meistens sehr klar, wie man hier gut erkennen kann: Die Evolution des 3D-Styles.

Du bist einer der bekanntesten Graffitiwriter, der sich mit dem Malen von dreidimensionalen Bildern beschäftigt. Wie genau bist Du dazu gekommen Deiner Kreativität gerade auf diese Art und Weise freien Lauf zu lassen?
Ich habe schon bevor ich mit dem Sprühen angefangen habe viel gezeichnet und gemalt. Meine Inspirationen kamen, anders als bei vielen anderen Sprühern, nicht so sehr vom Comic. Daher empfand ich die comic-typische schwarze Outline eher als unnötig. Ich wollte Formen durch Licht und Schatten definieren, aber dies bei Graffiti-Styles zu tun war ein radikaler Schritt innerhalb der Szene, den nur wenige zu der damaligen Zeit, Anfang der 90er, gingen.

Du hast an der Schule für Gestaltung in Luzern Kunst studiert! Wie wichtig war diese Zeit für Dich und Das was Du heute bist? Außerdem hast Du damals bestimmt auch Kontakt zur Schweizer Szene gehabt, die ja bekannt für seine äußerst attraktiven Bahnlinien ist! Was denkst Du insgesamt was Dir die Zeit in der Schweiz so gebracht hat?
Nach ca. 7 Jahren Graffiti Sprühens kam ich an einen Punkt an dem ich gemerkt habe, dass ich mir gar nicht sicher sein kann, ob Graffiti und die Sprühdose überhaupt das ist, was ich wirklich als Ausdrucksmöglichkeit nutzen möchte, denn ich hatte ja noch gar nicht viel anderes ausprobiert. Als ich durch Mate die Kunstschule in Luzern kennenlernte, war für mich sehr schnell klar, dass ich dort meinen Horizont erweitern möchte.

Ich konnte mich dort sehr ruhig und abgeschieden auf meine Weiterentwicklung konzentrieren. Dies hat mir für meine künstlerische Arbeit sehr viel gebracht.

Du hast im Laufe Deiner Karriere weltbekannte Arbeiten verrichtet. Zum Beispiel warst Du damals in Hamburg am höchsten Graffiti der Welt, welches sogar im Guinnessbuch der Rekorde abgebildet wurde, beteiligt. Gibt es da für Dich zukünftig noch andere aufregende Ziele? Was hat jemand wie Du, der sich seine Aufträge aussuchen kann, noch so geplant?
Ich habe damals die künstlerische Leitung zur Gestaltung einer 28 Meter hohen Hauswand in Hamburg als große Herausforderung gesehen. Nicht nur die unterschiedlichen Künstler mussten koordiniert werden, sondern auch ein künstlerisches Konzept, für so ein ungewöhnlich hohes Wandformat, musste entwickelt werden. Das dies zur damaligen Zeit ein Rekord darstellte und wir so einen Eintrag ins Guinness Buch der Weltrekorde bekamen, war für uns eher nebensächlich. Uns ging es um eine gute Umsetzung unserer Idee “Graffiti als Zeichen der Zeit” in einem eher benachteiligten Stadtteil. (Galerie: DAIM.org.)

Es geht auch bei aktuellen Arbeiten immer noch um die Umsetzung einer guten Idee, als dem Aufstellen von Rekorden. Aber natürlich werden die Arbeiten mit der Zeit spezieller, man kann gespannt sein was noch kommen wird.

Seit kurzem hast Du eine neue Internetpräsenz. Die Alte war wohl jedem bekannt, der sich mit Graffiti in Deutschland beschäftigt hat! Was gibt es nun Neues zu sehen? Aus welchem Grund sollte man sich die Seite auf jeden Fall mal anschauen?
Ich habe bereits 1996 meine erste Website mit Hilfe von Susan Farell von Art-Crimes (weltweit die erste Graffiti Website) erstellt. Bis heute wurde sie aber erst einmal überarbeitet. Nun wurde es mal wieder Zeit, der DAIM.org – Relaunch 2010 ist nun online. Ich wollte eine Möglichkeit schaffen meine Arbeiten der letzten fast 20 Jahre zu erleben und durch Verknüpfungen zu Facebook, Twitter, RSS-Feeds oder dem Newsletter auch heute immer aktuell auf dem neuesten Stand meiner Aktivitäten zu bleiben. Es gibt unter anderem mehr als 1000 Fotos, dutzende Videos, Editionsarbeiten aber auch Informationen zu Buch- und Magazin-Veröffentlichungen.

Was verbirgt sich hinter “getting-up”? Erzähl uns mehr davon.
Die 1999 gegründete Ateliergemeinschaft getting-up ist in erster Linie Ansprechpartner zum Thema Graffiti-Kunst, egal ob mit der Sprühdose als riesengroßes Wandbild, mit Mischtechnik auf Leinwand oder als Grafik am Computermonitor. Durch unsere unzähligen Projekte verfügen wir über die nötigen Erfahrungen, arbeiten aber auch in unterschiedlich zusammengesetzten Teams oder vermitteln Anfragen entsprechend weiter. Gemeinsam organisierten wir unter anderem auch die Urban Discipline Ausstellungen.

Herzlichen Dank für die ausführliche Beantwortung unserer Fragen! An dieser Stelle wünscht Dir das HipHop.de Team alles erdenklich Gute für die Zukunft! Am Ende dieses Interviews geben wir Dir noch die Möglichkeit ein paar Grüße loszuwerden:
Wir haben im letzten halben Jahr zwei wichtigen Persönlichkeiten der Graffiti-Szene verloren. Dies ist ein großer Schock und Verlust.

R.I.P. Eric

R.I.P. Dare

Wenn du mehr über DAIMs Graffiti Projekte erfahren möchtest kannst du seine Website (Offizielle Website: DAIM) besuchen. Auf dieser findest du stets aktuelle Informationen zur Person Mirko Reisser, dem Künstler DAIM und seinen aktuellen Projekten. Zudem sind auf der Seite Auszüge seiner aktuellen Arbeiten zu sehen.

Mehr Infos über Daim unter: http://www.Daim.org

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